Beobachtungstipp im Oktober 2006

Sternfreunde sind Naturfreunde besonderer Art. Sie beschäftigen sich mit den mannigfaltigen Erscheinungen des nächtlichen Himmels. Das magische Leuchten der sommerlichen Milchstraße, das farbenreiche Schauspiel einer Aurora oder das schnelle Aufblitzen von Sternschnuppen zieht die Liebhaber der Astronomie in den Bann. Während die meisten Normalbürger längst auf dem Sofa liegen und im Fernsehen bei Dokumentationen von fernen Wildnissen träumen, harren die Sterngucker mit ihren Teleskopen in der nächtlichen Kälte aus und versuchen, dem Sternenhimmel ein wenig näher zu kommen.

Leider wird die nächtliche Idylle in großen Teilen Europas sehr beeinträchtigt. Die nötige Dunkelheit wird mehr und mehr durch Kunstlicht gestört. Die künstliche Beleuchtung ermöglicht den Menschen eine Lebensweise, die vor 200 Jahren noch undenkbar war. Sie vermittelt bei den Menschen ein Gefühl von Wohlstand und Sicherheit und ist in unserer modernen Gesellschaft unverzichtbar. Die jedoch zunehmende Emission von Licht macht sich negativ bemerkbar. So sind es die Sternfreunde, deren Betätigungsfeld als erstes in Gefahr gerät, die auf das Problem der Lichtverschmutzung aufmerksam machen. Die steigende Zahl von künstlichen Lichtquellen und die höhere Lichtausbeute moderner Leuchtsysteme sorgen dafür, dass nicht nur die urbanen Räume immer heller werden, sondern auch die Bereiche um und über diesen. Neben den gewünschten Effekten wird ein Großteil des Lichtes durch nicht bedarfsgerechte Beleuchtung in die Umwelt abgegeben. So werden schätzungsweise nur 30% des emittierten Lichts zweckgebunden genutzt. Der Rest strahlt als Lichtsmog in die Landschaft. Das hat dramatische Folgen für Mensch und Natur. Kaum ein Mitteleuropäer hat jemals einen dunklen Nachthimmel gesehen. Die Hälfte aller Bewohner Europas kennen die Erscheinung der Milchstraße nicht. In Deutschland gibt es keinen Quadratmeter, der einen natürlichen Nachthimmel zeigt. In den Ballungsgebieten ist der Himmel sogar 27 mal so hell wie der normale Nachthimmel. Die Bewohner leben dort in ewiger Dämmerung. Und nichts spricht dafür, dass sich die Lage entspannt. In Deutschland wächst die besiedelte Fläche jeden Tag um 1,6 Quadratkilometer.

Die einher folgende Beleuchtung lässt die Emission von Licht jährlich um 6% steigen. Europäischer Spitzenreiter ist übrigens Italien mit 12%. Dabei beschränken sich die Lichtinstallationen nicht auf das Wesentliche. Moderne Beleuchtungssysteme lassen die Lichtquellen epidemisch wachsen. Private Häuser, Firmenhallen, Industrieanlagen, selbst Bäume werden mit flutlichtähnlichen Anlagen in Szene gesetzt. Helle Werbetafeln scheinen die Nacht durch, Skybeamer durchschneiden das Firmament. Überall tauchen neue Ideen auf, irgendetwas zu beleuchten, um auch nachts die Aufmerksamkeit des Bürgers auf sich zu lenken, ob er es möchte oder nicht. Es ist ein dabei ein regelrechtes Wettrüsten im Gange nach dem Motto, schneller, heller, weiter.

Während der Umweltschutz die Reinheit der Luft, des Bodens und der Gewässer stark verbessert hat und die Öffentlichkeit dahingehend sensibilisiert ist, findet die Problematik der Lichtverschmutzung noch wenig Beachtung. Wasser, Luft und Boden sind ohne Frage wichtige Schutzgüter, der Sternenhimmel anscheinend jedoch nicht. Noch in den 80'er Jahren fühlten sich nur 2,4% der Befragten in einer Umfrage von Infratest durch künstliches Licht gestört. Die Einstellung hat sich in den letzten Jahren geändert. Einer Emnid Umfrage nach glauben 84% aller Deutschen, dass in der Nacht weniger Licht brennen sollte, 92% meinen, dass in Gebäuden, in denen nicht gearbeitet wird, alle Lichter gelöscht werden sollten. 43% der Befragten sind der Meinung, dass sie generell besser schlafen würden, wären die Nächte nicht so hell.

Die nächtliche Beleuchtung von Denkmälern und öffentlichen Gebäuden halten 54% für sinnlos. Nur bei der Beleuchtung der Straßen scheiden sich die Geister. Während 42% der Befragten die Straßenbeleuchtung für übertrieben hielten, reichten 33% der angesprochenen Leute die Beleuchtung nicht aus. Über die Hälfte der Befragten sprachen sich dafür aus, das Energiesparen gesetzlich zu verankern, wie es bereits in Tschechien der Fall ist. Dort zahlen "Lichtumweltsünder" bis zu € 5.000 Strafe.

Wie wirkt sich Licht eigentlich auf die Umwelt aus? Warum sollte man sich darüber Gedanken machen?

Zunächst wird die nächtliche Landschaft zerstört, inklusive des Raumes über uns. Der von vielen geschätzte Sternenhimmel geht im Lichte der Zivilisation unter. Das Licht hat auch Einfluss auf zirkadiane und endokrine Systeme des Menschen und der Tiere. Schlafstörungen und sogar Krebserkrankungen infolge von Hormonschwankungen sind die Folge.

Ein wichtiger Aspekt ist die Beeinträchtigung nachtaktiver Lebewesen, deren natürliche Lebensweise verhindert wirdt. Viele dieser Lebewesen sind vom Aussterben bedroht!

Aufdringliches Licht ist bei Menschen ein ähnlicher Stressfaktor wie Lärm. Gerade in besiedelten Gebieten werden Menschen durch die Aufhellung und Blendung von Lichtquellen gestört.

Zudem führt die unkontrollierte Überflutung von Licht zur Abstumpfung und Entfremdung des Menschen gegenüber den visuellen Werten einer intakten Nachtlandschaft. Wie sollen spätere Generationen den Sternenhimmel als wertvoll und schützenswert einstufen, wenn sie ihn nie zu Gesicht bekommen?

Stärkstes Argument gegen die zunehmende Lichtverschmutzung ist die damit verbundene Energieverschwendung.

Die Vorzüge für die angewandte Vermeidung von Lichtverschmutzung ergeben ad oculos.

Durchdachte Beleuchtungssysteme und ein nächtliches Zeitfenster für Ruhe und Regeneration sorgen für die Erhaltung und Verbesserung von Lebensqualität von Mensch, Flora und Fauna. (ökologischer Gewinn)

Der gestalterische Einsatz von Leuchtmitteln zur Illumination von Gebäuden etc. setzt eine dunkle Umgebung voraus, um Kontraste zu schaffen. Zu helle Ausleuchtung verdirbt die gestalterischen Möglichkeiten. (gestalterischer Gewinn)

Lichtverschmutzung ist gleichzusetzen mit Energieverschwendung. Der hohe Energieverbrauch zerrt an den Reserven und kostet Geld. Den Befürwortern von billigem Atomstrom sei gesagt, dass auch die Vorkommen an reaktorfähigem Uran begrenzt sind. Wir sind also keinesfalls in der Lage das Niveau des Energieverbrauchs auf Jahre zu halten, wenn keine neuen Energiequellen erschlossen werden. (ökonomischer Gewinn)

Der letzte und für den Sternfreund wohl wichtigste Punkt ist der Verlust des Sternenhimmels. Wir sind dabei, eine Naturschönheit zu verlieren, die die Menschen seit frühester Zeit fasziniert und auch zukünftige Generationen in ihren Bann ziehen soll. Wie sonst soll der Mensch seine Stellung im Kosmos erfahren? Wie würde sich die Spezies Mensch entwickeln, wenn sie keinen Bezug zur Natur und zum Weltraum mehr hätte? Eine Frage, die sich wohl schon viele kluge Köpfe gestellt haben. Nicht umsonst wurde der Sternenhimmel zum Weltkulturerbe ernannt, dessen Schutz es bedarf.

Skybeamer hinter der Josef-Bresser-Sternwarte
Skybeamer hinter der Josef-Bresser-Sternwarte, der den Sternenhimmel unbeobachtbar macht, 29.09.2006 um 22:36 MESZ, Günther Strauch

Die Gesetzeslage in Hinsicht auf den Schutz der nächtlichen Dunkelheit ist leider noch dünn. Zwar gibt es baurechtliche Bedenken beim Einsatz von besonders hellen Strahlern, wie zum Beispiel bei Skybeamern und weitsichtbare Werbetafeln, dennoch darf in unserer Gesellschaft mit Licht frei gewirtschaftet werden. Nur in Einzelfällen können Umweltschützer und Sternfreunde gegen fehlgeleitetes Licht vorgehen. Um die Situation zu verbessern, muss die Problematik in die Öffentlichkeit getragen werden. Dabei gilt es Missverständnisse zu vermeiden, um nicht das Bild vom "grünen" Sternfreund, der seinen Mitbürgern das Licht abschalten möchte, zu zeichnen. Den Mitmenschen sollte allerdings vor Augen geführt werden, dass das Licht nicht nur positive Effekte birgt und zuviel des Guten eine Menge zerstören kann. Es ist eben wie alles in der Welt: Die Dosis entscheidet! Betrachten wir die Entwicklung der letzten Jahre, so erleben wir die zunehmende Überdosierung. Um noch mal beim Beispiel Italiens zu bleiben. Dort hat sich die Himmelshelligkeit in den letzten 30 Jahren verzehnfacht. Die Bevölkerungsdichte hat sich dabei nicht wesentlich verändert. Schade, dabei schwärmte der Autor Otto Ule in seinem Buch "Wunder der Sternenwelt", dass er vor 200 Jahren schrieb, von italienischen Nächten.

Publikationen zum Thema Lichtverschmutzung gibt es mittlerweile reichlich. Eine gute Quelle, die mir bei der Gestaltung dieses Textes half, ist die Broschüre des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL) der Schweiz (www.buwalshop.ch). Eine schöne Quelle ist die Lichtverschmutzungskarte von Frederic Tapissier aus Frankreich (www.avex.org.free.fr/cartes-pl/allemagne/index.html). Anlaufpunkt für die Sternfreunde ist die Initiative "Dark Sky" der Vereinigung der Sternfreunde (www.lichtverschmutzung.de).

Zum Schluss noch das Ergebnis einer Umfrage der Zeitschrift Fernsehwoche. Die Mehrheit der Leser (53%) fanden den gemeinsamen Blick in den Sternenhimmel romantischer als das Kuscheln mit dem Partner. Wenn das kein Argument ist! Lichtverschmutzung gefährdet also auch unsere Rentenkasse...

Clear Skies,
Christian Overhaus

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