Beobachtungstipp im April 2010

Eine klare Nacht stand bevor. Die letzten Wolken, die der Wind von der irischen See über das walisische Festland trieben, gaben den Blick auf den Frühlingssternhimmel frei. Tief im Südwesten stand der zunehmende Mond nahe den Hyaden. In nur wenigen Tagen wird der helle Erdtrabant alle Beobachtungen vereiteln. Wir befinden uns am Framton House in Glamorganshire in Wales, wo der Astronom Edward Pigott am 23. März 1779 sein Teleskop in das Sternengewimmel des "Haar der Berenice" richtet. Etwas südöstlich des Sternhaufens stieß er auf ein diffuses Objekt - einen Nebel. War es ein Komet? Pigott konnte keine Eigenbewegung feststellen, obwohl er den Nebel einige Zeit beobachtete. Er machte seine Aufzeichnungen, die er in den nächsten zwei Jahren aber kaum mehr beachtete. So wurde die Entdeckung des Nebels dem deutschen Astronom Johann Elert Bode zugesprochen, der nur 12 Tage nach Pigotts Entdeckung auf das Nebelchen im "Haar der Berenice" stieß.

Bode, der unter dem Berliner Himmel beobachtete, war sich sofort bewusst, eines dieser rätselhaften Nebelchen entdeckt zu haben, welche anscheinend haufenweise den Frühjahrshimmel bevölkerten. Es ging ein Jahr ins Land bis auch das französische Kometenfretchen, wie Charles Messier scherzhaft genannt wurde, auf den Nebel aufmerksam wurde. Er beschrieb ihn als nebeligen Stern und war vermutlich enttäuscht, keinen Kometen entdeckt zu haben.

So wurde der Nebel der 64-igste Eintrag in seinem Katalog. Wenn man sich mit der Astronmie des 18. Jahrhunderts beschäftigt, kommt man an einer Familie kaum vorbei. Der gebürtige Hannoveraner Friedrich Wilhelm Herschel, der später nach England emigrierte, war einer der führenden Beobachter des Sternenhimmels seiner Zeit. So ist es kein Wunder, dass der fleißige Beobachter den Nebelfleck M64 ebenfalls in Augenschein nahm und diese dunkle Struktur im Nebel entdeckte. Später sollte der englische Physiker Charles Blagden die ferne Galaxie als Schwarzes Auge bezeichnet haben. Herschels Sohn John beschrieb die dunkle Wolke als Leere unterhalb des Zentrums. Noch heute ist Messier 64 als Blackeye-Galaxie bekannt und in der Tat ist das dunkle Auge schon in kleinen Amateurteleskopen deutlich zu erkennen. Glaubte John Herschel im Jahr 1832 noch einen vernebelten Doppelstern vor sich zu haben, so wissen wir heute, dass die Blackeye-Galaxie eine Galaxie ist, die zur Canes-Venatici-I-Wolke gehört. Weitere bekannte Mitglieder sind Messier 94 und Messier 106. Die Galaxien befinden sich in einer Distanz von etwa 15 bis 20 Millionen Lichtjahren.

Blackeye-Galaxie M64
Blackeye-Galaxie M64, Christian Overhaus

Auf Fotos erscheint die Galaxie etwa 9,0 x 4,5 Bogenminuten groß, was auf eine Größe von etwa 51.000 Lichtjahren im Durchmesser schließen lässt. Damit ist diese Galaxie fast nur halb so groß, wie unsere Milchstrasse und besitzt die Leuchtkraft von 13 Milliarden Sonnen. Der schwedische Astronom Erik Holmberg, der in den 60'er und 70'er Jahren am UGC-Katalog arbeitete (Uppsala General Cataloge of Galaxies), gab die Entfernung mit 44 Millionen Lichtjahren an. Damit würde sich der Durchmesser verdoppeln und die Helligkeit auf 170 Milliarden Sonnenleuchtkräfte erhöhen.

Messier 64 ist eine typische Spiralgalaxie mit eng anliegenden Spiralarmen, die nicht sehr stark ausgeprägt sind. Sie erscheinen auch eher glatt und nicht so verknotet, wie bei anderen Spiralgalaxien, die oftmals viele Sternentstehungsgebiete in sich bergen. Rätselhaft ist aber die dunkle Staubwolke in der Nähe des Zentrums der Galaxie. Die Astronomen vermuten, dass die Galaxie mit einer kleinen aber staubreichen Galaxie verschmolzen ist, mit der sie vor über einer Milliarde Jahren zusammenstieß. Ein wichtiger Hinweis war die Entdeckung, die mit Hilfe des Hubble Space Teleskops gemacht wurde. Im Jahr 1994 fand man bei Messungen heraus, dass der innere Teil der Galaxie entgegengesetzt der äußeren Scheibe rotiert. Sternentstehungen, wie sie für solche Verschmelzungsprozesse typisch sind, finden nur in dieser Staubwolke statt. Man bezeichnet solche Galaxien auch als ESWAG-Galaxien, also "evolved second wave activity galaxy". Um es mal ins Deutsche zu übertragen: die Astronomen meinen damit eine Galaxie, die eine zweite Welle aktiver Sternentstehung in sich erlebt, in diesem Fall hervorgerufen durch den Zusammenstoß zweier Galaxien. Es ist auch anzunehmen, dass die Staubwolke dahinter liegende Sterne verdeckt, weil die Galaxie etwa 65° dem Beobachter gegenüber geneigt ist und der Staub eine Scheibe um den Galaxienkern bilden könnte.

M64 wird als Seyfert-Galaxie klassifiziert. Seyfert-Galaxien besitzen einen äußerst aktiven Galaxienkern. Das bedeutet, dass im Zentrum der Galaxie ein Schwarzes Loch sein Unwesen treibt und leuchtendes Gas in sich aufnimmt. Wie ein Strudel fällt das Gas mit einer sogenannten Akkretionsscheibe in die dunkle Ewigkeit und sendet einen letzten Gruß in Form von energiereicher Strahlung.

Sicher gelingt die Sichtung von Messier 64 in diesen Tagen. Bereits in kleinen Geräten ist die Galaxie als Nebel im Sternbild "Coma Berenices" zu finden. Sie befindet sich etwa 5° Nordwestlich von Alpha Coma. Ab 8 Zoll Öffnung ist das dunkle Auge der Galaxie unter Landhimmelbedingungen sichtbar. Experten glauben, dass Auge schon im 4 Zöller zu sehen. Mit zunehmender Öffnung ist M 64 immer schöner zu erkennen - ein Anblick, den man in diesen Tagen nicht verpassen sollte!

Clear Skies,
Christian Overhaus

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