Beobachtungstipp im Juni 2010

IOTA-ES... die dunkle Seite der astronomischen Gesellschaft trifft sich unregelmäßig zu konspirativen Treffen in abgelegenen Gegenden zu nächtlicher Stunde um ihrer okkulten Leidenschaft nachzugehen...

Was sich hier wie ein Geheimbund oder eine Weltverschwörung anhört, welche aus der Feder von Dan Brown stammen könnte, ist dennoch ernsthafte Astronomie. Im Juli gibt es für uns die Möglichkeit, einen Eindruck von der Arbeit dieser Fachgruppe innerhalb der VdS (Vereinigung der Sternfreunde e.V.) zu erfahren, denn die IOTA-ES ruft zu einer Beobachtung eines seltenen Himmelsschauspiels auf. Es geht hierbei im wahrsten Sinne des Wortes um eine okkulte Sache. Okkult im Sinne einer Verfinsterung. Verfinstern wird sich weder Sonne noch Mond. Betroffen ist der 2,7 Mag helle Stern Delta Ophiuchi im Sternbild Schlangenträger.

Am späten Abend des 8. Juli schiebt sich der Kleinplanet (472) Roma vor den Stern und lässt ihn für einige Sekunden vom Firmament verschwinden. Etwas Okkultes und Magisches hat es ja schon, wäre man unvorbereitet und kenne nicht die Zusammenhänge dieses Schauspiels. Beobachter in Norddeutschland bietet sich die seltene Gelegenheit, sich in den Schatten eines Kleinplaneten zu stellen, obwohl man nicht so richtig von Schatten sprechen kann. Der kleine Himmelskörper ist nahe seiner Oppositionsstellung zur Sonne und erstrahlt mit beeindruckender Helligkeit von 13,5 Mag. Seine Distanz zur Erde beträgt "nur" 300 Mio. km, zur Sonne wären es dann immerhin 450 Mio. km. Der Stern Delta Ophiuchi, der auch Yed Prior genannt wird, ist dagegen 170 Lichtjahre entfernt.

Die Sternbedeckung selbst findet am 8. Juli 2010 gegen 23:57 Uhr MESZ statt. Die Zentrallinie überstreicht Norddeutschland. Sie erstreckt sich von Westen nach Osten, knapp nördlich von Köln, Dortmund in Richtung Hamburg. Der nördliche Rand der Bedeckung ist nach Berechnungen eine Linie Aachen, Essen, Münster, Osnabrück. In diesem Bereich findet zu 95% eine Bedeckung des Sterns statt. Borken liegt einige Kilometer zu nördlich für diese Vorhersage. Für uns gilt eine 68% Wahrscheinlichkeit einer Bedeckung. Die Vorhersage einer Sternfinsternis durch Kleinplaneten ist keine leichte Sache und dem entsprechend mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet. Zum einen benötigt man eine sehr präzise Bahnberechnung und dazu müssen Form und Größe des Kleinplaneten bekannt sein. Im Falle von (472) Roma geht man von einem Durchmesser von etwa 50km aus. Der Schattenwurf auf der Erde ist entsprechend groß. Kleine Unsicherheiten von Bahn und Größe des Kleinplaneten könnten zu Überraschungen führen. Die Sache bleibt also spannend! Und deshalb ruft die IOTA-ES zu einer Beobachtung und zu einer Messung auf. Bei der Messung gilt es die genauen Zeiten der Bedeckung zu erfassen. Eine genaue Bestimmung des Beobachtungsortes ist ebenso notwendig.

Während die Bestimmung des Beobachtungsortes mit GPS-Geräten oder auch mit der Karte von Google-Earth möglich ist, erfordert die zeitliche Erfassung etwas Geschick. Zwar sind die Hilfsmittel, eine handelsübliche Stoppuhr, wie man sie am Handgelenk trägt oder als Funktion im Handy eingebaut hat sowie eine Funkuhr, nicht gerade exotisch, dennoch ist die Messung anspruchsvoll und will gut vorbereitet sein. Am besten trainiert man den Umgang mit den Gerätschaften vorher ein paar Mal. Für die Sternbedeckung gibt es ja nur einen Versuch.

Und so könnte es ablaufen: Das Beobachten in größeren Gruppen ist eigentlich nicht sinnvoll. Sollten wirklich viele Beobachter mobilisiert werden können, sollten sie sich im Beobachtungsgebiet verteilen um möglichst viele Messpunkte zu bekommen. Eine Doppelbeobachtung an einem Ort ist natürlich zu empfehlen, um die Daten vergleichen zu können.

Am Beobachtungsort, der irgendwo im Bereich des Bedeckungskorridors liegt, wird das Teleskop aufgebaut und der Stern Yed Prior eingestellt. Dann lieber noch mal schauen, ob wirklich der richtige Stern eingestellt ist. Es ist kein ungewöhnlicher Fehler, die Bedeckung zu verpassen, weil man statt Yed Prior irgendeinen anderen Stern im Visier hatte. Ok, wenn das alles beachtet wurde und Ort, Datum und Uhrzeit passen, hat man alles Menschenmögliche getan. Der Rest ist dann Schicksal. Für die Messung benötigt man die genaue Uhrzeit. Funkuhren gehen eigentlich genau. Allerdings kann es vorkommen, dass eine Funkuhr über längere Zeit keinen Kontakt zur Funkstation hatte und deswegen nicht richtig läuft. Es empfiehlt sich, die Batterie zu entfernen und die Zeit neu suchen zu lassen. Aber bitte nicht gerade 10 Minuten vor der Bedeckung. Es dauert nämlich einige Zeit, bis das Zeitsignal erfasst wird. Die Beobachtung soll ja möglichst stressfrei stattfinden.

Einige Minuten vor der Bedeckung sollte man mit den Vorbereitungen fertig sein. Das Auge ans Okular und die Stoppuhr in die Hand genommen haben. Gut ausgerüstete Beobachter können statt der direkten Beobachtung auch eine Videokamera einsetzen. Eine Auswertung des Videos erlaubt eine noch bessere Datenqualität.

Irgendwann, so gegen kurz vor Mitternacht wird der Stern überraschend verdunkelt, weil der Kleinplanet ihn bedeckt. Nun sollte man die Stoppuhr starten. Je besser die Reaktion, desto genauer die Messung. Auch wenn man die Bedeckung erwartet, kommt der Zeitpunkt dann doch überraschend. Die Bedeckung selbst könnte gute 5 Sekunden andauern. Mit dem Wiedererscheinen des Sterns nimmt man eine Zwischenzeit. Nachdem die Bedeckung nun geschehen ist, nimmt man die Funkuhr zur Hand und stoppt die Zeit zur nächsten vollen Minute. Sagen wir, wir hätten die Stoppuhr um 23:59:00 Uhr gestoppt und die vergangene Zeit auf der Stoppuhr wäre 2 Minuten 10,55 Sekunden, so hätte die Bedeckung um 23:56:49,45s begonnen. Die genommene Zwischenzeit von, sagen wir mal, 4,14 Sekunden würde ein Bedeckungsende um 23:56:53,59 Uhr bedeuten. Somit hätten wir alle relevanten Daten für die Bedeckung ermittelt und könnten sie der IOTA-ES übermitteln. Die Schwierigkeit besteht eigentlich nur im Umgang mit der Stoppuhr. Hier empfiehlt es sich einige Trockenübungen zu machen. Experten empfehlen ein Diktiergerät als Backup der Beobachtung.

Die Daten kann man in ein Formblatt der IOTA-ES eintragen und diese dann der Fachgruppe für Sternbedeckungen zukommen lassen (www.iota-es.de). Mit Hilfe der Beobachtungen ist es dann möglich, die Bahnberechnungen des Kleinplaneten zu verbessern, vielleicht sogar Aussagen über Form und Größe des Kleinplaneten zu machen. Schließlich ist der Schatten des Kleinplaneten ein zweidimensionales Abbild des fernen Himmelskörpers. Übrigens sind auch Nichtsichtungen wertvoll, sofern sie nicht durch bewölkten Himmel oder andere nicht wünschenswerte Umstände zustande gekommen sind.

Was sich zunächst als esoterischer Auswuchs der Astronomie darstellte, ist also pure Wissenschaft und spannend dazu. Sollte der Himmel über Norddeutschland eine Beobachtung am 8. Juli zulassen, sollte man diese Gelegenheit keinesfalls verpassen. Und wenn man es sich zutraut, sollte man eine Messung nach der vorgestellten Art und Weise durchführen. Wissenschaft macht Spass!

Clear Skies,
Christian Overhaus

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