Beobachtungstipp im Juli 2010

In den Abendstunden des 26. Juli 1958 wurde das beschauliche Dörfchen Ramsdorf im Herzen des Westmünsterlandes Schaubühne eines kosmischen Ereignisses. Während das dörfliche Treiben an jenem Sommerabend ganz normal verlief, wurde von Kindern plötzlich ein knatterndes Geräusch vernommen, welches abrupt verstummte. Im Garten eines benachbarten Grundstücks bemerkten die Kinder eine muldenartige Vertiefung, ein Einschlagkrater im Kleinformat. Etwas eingeschüchtert und mit der Befürchtung, der Sputnik, der zu dieser Zeit seine Runden im Orbit drehte, sei hier abgestürzt, zog die Meute ab um unter dem Siegel der Verschwiegenheit am darauf folgenden Tag mit Spaten bewaffnet dem außerirdischen Besucher zu Leibe zu rücken. So kam es dann auch und ein schwarzer Klumpen wurde geborgen. Etwas enttäuscht nicht den Sputnik gefunden zu haben zerteilten die Kinder den Stein mit dem Werkzeug, so dass keiner leer ausging. Die kleine Luise Meisohle konnte den Fund nicht vor ihrem Vater verbergen, der anschließend den Meteoriten wieder zusammentrug und der Wissenschaft zuführte. Seitdem reist der Meteorit um die ganze Welt. Ein Großteil der Meteoritenmasse ist in einem Wiener Museum ausgestellt. Andere Bruchstücke befinden sich in Köln, Heidelberg, Arizona, Moskau, Chicago usw.

Im Juli 2010, also 52 Jahre nach dem Fall des Meteoriten, soll der Stein wieder an seinen Fundort zurückgebracht werden. Das Institut für Planetologie der Wilhelms-Universität in Münster organisiert gemeinsam mit den Borkener Sternfreunden eine Ausstellung des Meteoriten und ein "Meteoriten-Watching" am 12. und 13. August an der Josef-Bresser-Sternwarte um an das seltene Ereignis zu erinnern und um die Wissenschaft lebendig werden zu lassen.

Ausstellung des Ramsdorfer Meteoriten
Ausstellung des Ramsdorfer Meteoriten

Der Meteorit von Ramsdorf ist ein typischer Chondrit, also ein Steinmeteorit dessen Ursprung dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter zuzuschreiben ist. Der ursprüngliche zentnerschwere Brocken wurde vor vielen Tausend Jahren von seiner Bahn abgelenkt und begegnete an jenem schicksalsreichen Abend dem Planeten Erde. Der Höllenritt durch die Atmosphäre der Erde lies den kleinen Körper regelrecht abschmelzen und so kam in Ramsdorf eine Masse von etwa 5kg zu Boden.

Chondrite zählen zu den häufigsten Meteoriten. Ihren Namen verdanken sie kleinen glasartigen Schmelzkügelchen, die in einer Art körniger Matrix eingebunden sind. Rein äußerlich ähneln sie hellem Schlackegestein. Die Chondren sind Relikte eines frühen kurzzeitigen Aufschmelzungsprozesses in der Phase der Entstehung des Sonnensystems. Welcher Mechanismus den frühen solaren Nebel auf viele Tausend Grad aufheizte, um die millimetergroßen Schmelzkügelchen zu erzeugen, ist noch nicht geklärt. Elektrische Entladungen wären denkbar. Diese Chrondren sind in einer Matrix aus Silikatgestein eingebunden. Man findet ebenfalls kleine Eisen-Nickelkörner, die Bestandteile des präsolaren Nebels waren. Die typische schwarze Schmelzkruste entsteht aber erst in den letzten Sekunden des außerirdischen Daseins oder besser gesagt zu Beginn des irdischen Daseins. Der Sturz auf die Erde erzeugt eine sehr starke Reibungswärme, dass der Meteorit äußerlich abschmilzt. Die innere Struktur bleibt wegen der schlechten Wärmeleitfähigkeit des Gesteins erhalten. Den Planetenforschern ist mit dem Ramsdorfer Meteorit eine fast unverfälschte Probe außerirdischen Gesteins zugekommen. Heute werden viele Meteorite in der afrikanischen Wüste oder auch in der Antarktis entdeckt. Jedoch verwittern diese Steine mit den Jahren an der Luft und sind in der Regel nur noch schwer von irdischem Gestein zu unterscheiden.

Eine weitere Gruppe von Meteoriten sind die Eisenmeteorite, die aus einer Art Eisen-Nickellegierung bestehen. Zwar sind auch Eisenmeteorite der Witterung ausgesetzt, doch sind sie noch nach vielen Jahren eindeutig als Meteorit erkennbar. Die relativ große Dichte des Eisens macht sie zu auffälligen Gesteinen. Ihre innere Struktur ist durch zwei Eisennickelmineralen geprägt, die eine auffällige Struktur, die so genannten Widmanstättschen Linien, aufweisen.

Mitunter gibt es auch "Mischmeteorite", die Steineisenmeteorite. Sie weisen einen großen zusammenhängenden Metallanteil auf, in dem Olivinkristalle eingebettet sind. Ihre Entstehung ist auf die Zerstörung eines größeren Planetoiden zurückzuführen, der bereits einen Eisennickel-Kern aufwies. Steineisenmeteorite gehören zu den eher seltenen Meteoriten. Derartige Geschehnisse, bei denen ein weit entwickelter Mutterkörper zerstört wird, sind im Sonnensystem offenbar nicht allzu häufig.

Eine weitere Klasse der Meteorite sind die Achrondrite. Wie der Name es schon besagt, handelte es sich hier um Steinmeteorite, die völlig frei von Chondren sind. Solche Meteorite haben bereits während ihrer Phase als Kleinkörper im Sonnensystem eine chemische Metamorphose erlebt. Sie sind in der Regel von einem größerem Mutterkörper entkommen, vielleicht durch einen großen Impakt oder Zusammenstoss zweier Kleinplaneten. Besondere Klassen innerhalb dieser Achondrite sind die Mars- oder Mondmeteorite. Untersuchungen dieser Meteorite lassen den Schluss zu, daß ihre Herkunft auf dem Mars oder dem Mond zu suchen ist. Sie sind äußerst rar, weit unter hundert Meteorite dieser Art sind bisher bekannt.

Auch wenn mittlerweile viele, viele Tausend Meteorite gefunden worden sind, sind frische Fälle noch recht rar. Meteoritenfälle, wie der von Neuschwanstein in den letzten Jahren, tragen zur Entschlüsselung der Geschichte des Sonnensystems bei.

Ein ganz besonderer Meteoritenfall ereignete sich im Jahr 1969. Am 8. Februar kam es über Mexiko zu einem regelrechten Steinregen. Gute 3t Meteoritenmaterial gingen nieder. Der namentliche Meteorit Allende ist ein kohliger Chrondrit. Das Material, aus dem er besteht zählt zur ältesten Materie des Sonnensystems und ist dem Kometenmaterial sehr ähnlich. Sehr interessant sind kleinste Mikrodiamanten, die im Meteoriten eingeschlossen sind. Man nimmt an, dass diese Diamanten bei einer Supernovaexplosion entstanden sind, die vielleicht die Sternenentstehung ausgelöst hat, aus welcher unsere Sonne hervorging. Damit sollten diese Diamanten zu den ältesten auf der Erde gehören.

Das Meteoriten-Watching (Sternschnuppenbeobachtung) findet übrigens zum Maximum der Perseidensternschnuppen statt. Neben den Meteoriten gibt es also noch Meteore zu sehen. Auch wenn es einen direkten Zusammenhang zwischen Meteoren und Meteoriten gibt - da jeder Meteorit ja beim Eintritt in die Erdatmosphäre ein Meteor war - so gibt es jedoch keinen bekannten Zusammenhang von Meteorströmen und Meteoritenfällen.

Meteorströme, wie das der Perseiden finden ihren Ursprung in Kometenerscheinungen. Die Kometen verlieren während des Sonnenumlaufs Staubmaterial. Durchrast die Erde eine solche Staubspur, dringen die kleinen Kometenstaubteilchen in die Erdatmosphäre ein und erzeugen die bekannten Leuchtspuren. Offensichtlich ist das Kometenmaterial zu klein, um Meteoritenfälle zu ermöglichen.

Wissenschaftler wären sicher daran interessiert Kometenmeteorite in die Hand zu bekommen. Bisher gelang es ihnen nur an den begehrten Kometenstaub zu gelangen, in dem sie kleine Raumsonden zum Einsammeln von Kometenstaub auf den Weg schickten. Aktuell ist die Sonde "Rosetta" zum Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko unterwegs, den sie im Jahr 2014 erreicht um Kometenstaub zu sammeln. Im Dezember 2015 wird sie als heller Meteor mit der wertvollen Fracht zur Erde zurückkehren. Wie der Stein von Rosetta, der den Archäologen half, die Keilschrift zu entschlüsseln, soll der Staub der Rosettamission die Entstehungsgeschichte des Sonnensystems entschlüsseln. Ein ehrgeiziges Ziel für eine sehr ehrgeizige Mission.

Meteoriten-Watching
12. August: Große Sternschnuppen-Beobachtungsnacht

Weitere Informationen zur Sternschnuppen-Beobachtungsnacht am 12. August 2010 mit der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster gibt es hier.

Clear Skies,
Christian Overhaus

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