Beobachtungstipp im September 2010

Im Jahr 1609, wurde zum ersten Mal ein Teleskop in den Nachthimmel gerichtet. Dieses Ereignis gilt als Begründung der modernen Astronomie. Die Astronomie selbst ist eine uralte Wissenschaft, die von vielen Kulturen seit je her in verschiedenen Richtungen betrieben wurde. Erstaunlicherweise wird in der Fachliteratur nicht Galileo Galilei als Begründer der wissenschaftlichen Astronomie genannt. Das wäre auch unfair gegenüber den anderen Geistesgrößen vor Galilei. Schließlich waren die Gedanken des Nicolaus Kopernikus genauso bahnbrechend, wie die Gesetze Keplers.

Der Begründer der wissenschaftlichen Astronomie lebte etwa 190 Jahre vor Christi Geburt. Geboren wurde er in der heute türkischen Stadt Nicäa. Gestorben ist er vermutlich auf Rhodos. Sein Name war Hipparchos und er war der bedeutendste Astronom seiner Zeit. Leider ist nur wenig über diesen "hellen Stern griechischer Astronomie" bekannt. Dennoch werden ihm einige Entdeckungen und Arbeiten zugesprochen, die einen aufmerksamen und genialen Beobachter des gestirnten Himmels offenbaren, der diesen Titel nicht ohne Recht trägt.

Wie schon gesagt, Hipparchos oder Hipparch von Nicäa lebte vermutlich 190 v. Chr bis 125 v. Chr. Als griechischer Naturwissenschaftler reiht er sich in die Reihe griechischer Denker ein, die Namen wie Ptolemäus, Aristarch von Samos, Eratosthenes einschließen. Amateurastronomen werden diese Namen bekannt vorkommen, denn viele griechische Denker sind als Paten für Mondkrater verewigt. Hipparch war, wie viele seiner Zeitgenossen, nicht nur Astronom sondern auch Mathematiker und Geograph. Die Trennung der naturwissenschaftlichen Disziplinen war nicht so streng und Spezialistentum noch nicht so ausgeprägt wie heute.

Seine Himmelsstudien waren von äußerster Genauigkeit geprägt. So erstellte er nicht nur einen frühen Sternenkatalog, der 900 Sterne umfasste. Anfang der 90'er Jahre des letzten Jahrhunderts sammelte der Satellit Hipparcos Positionsdaten von über 118.000 Sternen. Obwohl der Satellit zu Ehren des griechischen Astronomen benannt wurde, sind die Sternkataloge nicht zu verwechseln. Mit der Entwicklung der Armillarsphäre schuf der Astronom ein Messinstrument zur Bestimmung von Himmelspositionen. Die Eichung erfuhr das Messinstrument am Lauf der Sonne. Hipparch erkannte bald die untschiedlichen Längen der Jahreszeiten, die durch die variierende Bahngeschwindigkeit der Erde um die Sonne im Laufe des Jahres zustande kommen. Er bestimmte das tropische Jahr auf gute 6 Minuten genau - eine sagenhafte Leistung.

Eine seiner großen Leistungen ist die Entdeckung der Präzession der Erdachse. Hipparch verglich die Position des Sterns Spica mit einer 150 Jahren zuvor gemessenen Position. Er entdeckte dabei eine Verschiebung von etwa 2°. Er schloss daraus, dass die Äquinoktien, also der Frühlingspunkt und der Herbstpunkt sich in 100 Jahren etwa ein Grad nach Osten schieben. Der genaue Wert liegt übrigens bei einem Grad in 72 Jahren. Für einen gesamten Umlauf benötigt der Polkreisel 25.800 Jahre. Der Zeitraum wird als Platonisches Jahr bezeichnet. Der Frühlingspunkt verschiebt sich im Zeitraum von gut 2.000 Jahren um ein ganzes Sternbild. Schon längst ist der Frühlingspunkt nicht mehr im Sternbild Widder zu finden, obwohl er noch Widderpunkt genannt wird. Der Widderpunkt ist wegen der Präzession der Erdachse nunmehr im Sternbild Fische. Mitte des Jahrtausends wird das Frühlingsäquinoktium dann in das Sternbild des Wassermanns ziehen. Gemäß dem Musical Hair wird dann wohl das Hippiezeitalter eine Renaissance erleben. Ob "the Age of Aquarius" wirklich zu einer besseren Welt führt sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Die Astrologie jedenfalls ignoriert die Präzession einfach. Es ist ein kleiner Skandal, daß sämtliche Zwillinge in Wirklichkeit... aber was geht uns die Astrologie an, wird sich so mancher Sternegucker nun fragen. Nun ja, die Kreiselbewegung der Erdachse macht sich auch in der Astronomie bemerkbar. Zum einen orientiert sich das parallaktische Koordinatensystem des Himmels am Frühlingspunkt. Und wenn sich dieser verschiebt, so verschiebt sich der gesamte Sternenhimmel ein wenig. Die Position eines Sterns wird in Länge und Breite angegeben. Astronomen bezeichnen diese Winkel als Rektaszension und Deklination. Der Bezugspunkt der Rektaszension ist der Frühlingspunkt. Auf der Erde ist der äquivalente Längengrad der nullte Grad, der durch Greenwich führt.

Möchte man also die Position eines Gestirns angeben, so muss man auch mit angeben, zu welcher Zeit die Position ermittelt wurde. Sinnigerweise wird das Koordinatensystem nicht laufend an den Frühlingspunkt angepasst. Das würde vermutlich zu einem riesigem Durcheinander führen. Bis Mitte der 80er Jahr des letzten Jahrhunderts wurde das Koordinatensystem nach dem Jahr 1950 berechnet. Das Koordinatennetz wird mit dem Zusatz B1950.0 deklariert. Das B steht übrigens für das Besseljahr, welches der Astronom Bessel festgelegt hat.

Danach wurde das Jahr 2000 zum Bezugsjahr für das Koordinatensystem. Da man sich hier nach dem Julianischen Kalender orientierte, wird der Zusatz J2000.0 benutzt. Insgesamt gab es bisher drei so genannte Standartepochen: 1900.0, B1950.0 und J2000.0. Jede Positionsangabe eines Gestirns wird mit dieser Epoche angegeben, für die sie gültig ist.

Der Erdkreisel hat ebenso einen Einfluss auf die Aufgabe des Polarsterns. Man wird es schon ahnen. Der Polarstern, der einzige Fixpunkt am Himmel, ist in Gefahr. Er wird irgendwann seine Rolle verlieren. Na gut, für die Erbsenzähler unter uns: Der Polarstern steht ja nicht exakt über dem Himmelspol, sondern weicht etwa 40 Bogenminuten vom Pol ab. Im Jahr 2102 wird er die geringste Poldistanz haben und sich dann wieder entfernen. In vielen Tausend Jahren wird Deneb oder auch die Wega der hellste Stern in Polnähe sein. In 12.000 Jahren werden die heutigen Wintersternbilder unsere Sommersternbilder. Die Astronomen zu dieser Zeit werden statt des Orions den schönen Skorpion am Winterhimmel beäugeln.

Gute Aufnahmen vom Orionnebel gelingen dann nur noch auf der Südhalbkugel. Nun denn, keine übertriebene Panik, es sind ja noch einige Jahre bis dahin. Zu Lebzeiten des Astronomen Hipparch war der heutige Polarstern noch gute 7 Grad von seiner jetzigen Position entfernt.

Clear Skies,
Christian Overhaus

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