Beobachtungstipp im November 2010

Ende September kursierte mal wieder die Sensationsmeldung von der Entdeckung einer zweiten Erde im Weltall durch die Weltpresse. Und wie die Presse nun mal so ist, ist die Bandbreite der Meldungen von kleiner Notiz am Rande bis hin zum Sensationsbericht mit Reisevorschlägen für zukünftige Weltraumtouristen. Warum nicht mal unsere grünen Nachbarn besuchen? Die Restaurantkette mit dem großen "M" hat bestimmt schon eine Filiale in Planung. Bis dahin wird es aber ein paar Tage dauern.

Schauen wir uns aber mal vor Ort um beim Planeten Gliese 581g, wie der Zuwachs genannt wird. Der Stern Gliese 581 ist ein roter Zwergstern und zählt zu den erdnahen Sternen. Erdnah bedeutet im Fall von Gliese 581 immerhin noch 20,4 Lichtjahre. Die Kommunikation könnte sich als langwierig erweisen, wartet man doch über 40 Jahre auf eine Antwort, wenn man ein Visa beantragt. Auch die Reise ist beschwerlich. Eine Saturnrakete benötigt ca. eine halbe Million Jahre um Gliese 581 zu besuchen.

Gliese 581 ist also ein roter Zwergstern, der 500x leuchtschwächer ist als die Sonne. Im Grunde sind das gute Vorraussetzungen, da Sterne mit geringer Leuchtkraft länger und stabiler abbrennen als blaue Riesensterne. Das Leben hätte genügend Zeit sich zu entwickeln. Tatsächlich entdeckte man im Jahr 2005 bereits einen Planeten um Gliese 581, der den einfallsreichen Namen Gliese 581b trägt. Hierbei handelt es sich um einen Neptunähnlichen Planeten, der in nur 6 Mio. km Distanz sein Zentralgestirn umläuft. In den folgenden Jahren entdeckte man noch die Planeten c, d, e und f, welche ganz unterschiedlicher Natur sind. Offensichtlich beherbergt der Stern Gliese 581 ein ausgeprägtes Planetensystem. Auch wenn es wenige Entdeckungen dieser Art gibt, sollten Planetensysteme eher die Regel sein, als Einzelplaneten um einen Stern. Daher ist die astronomische Welt darüber nicht besonders verwundert.

Im September 2010 gab das Lick-Observatorium eine Pressemitteilung über die Entdeckung eines weiteren Planeten um Gliese 581 heraus - Gliese 581g. Dieser Planet ist nach Angaben der Wissenschaftler nur um weniges größer als die Erde und befindet sich in der habitablen Zone des Sterns. Als habitable Zone wird der Bereich um einen Stern bezeichnet, der über längere Zeiten Temperaturen aufweist, der flüssiges Wasser ermöglichen kann. Die Temperaturen sollten moderat um 0 bis 100 Grad Celsius liegen. Der Planet hat zudem die ausreichende Masse, um eine Atmosphäre zu halten. Soweit hören sich die Vorraussetzungen ganz gut an. Zu bedenken gilt aber, dass Venus und Mars zwar am Rande der habitablen Zone der Sonne zu finden sind, dennoch alles andere als lebensfreundlich sind. Die Entdeckung eines zweiten Mars oder einer Venus würde auch die Vermutung sehr nahe legen, dass es dort Leben geben könnte. Leben benötigt also mehr als nur ein warmes Plätzchen.

Als roter Zwergstern der Klasse M3 besitzt der Stern eine Oberflächentemperatur von 3.500K. Um es nett warm zu haben, muss der designierte lebensfreundliche Exoplanet sehr nahe an die Sonne heranrücken. Im Falle von Gliese 581g sind es ca. 25 Mio km. Der entscheidende Nachteil einer solchen Nähe ist die starke Gezeitenkraft, die der Stern auf den Exoplaneten ausübt. Diese Gezeitenkräfte dürften Gliese 581g in eine gebundene Rotation gezwungen haben. Wie unser Erdmond uns immer dieselbe Seite zuwendet, bekommt der Stern Gliese 581 auch immer die selbe Seite von Gliese 581g zu sehen. Die Rotation des Planeten wurde auf 36 Tage abgebremst und ein Tag dauert auch ein Gliesejahr, weil der Planet ebenfalls 36 Tage benötigt, um den Stern zu umkreisen. Hurra, immer Geburtstag! Aber reden wir mal über das Wetter.

Das bedeutet für den Planeten, dass sich eine Seite unheimlich stark aufheizt, während die ewige Nachtseite tiefkalt ist. Nur am Rande der Zone wären akzeptable Temperaturen zu finden. Zumindest theoretisch. Temperaturen haben die Angewohnheit sich immer ausgleichen zu wollen. Das sagt schon der dritte Satz der Thermodynamik. Ein Meteorologe auf Gliese 581b würde die Wettervorhersage eines Konvektionsherdes machen. Starke Winde sausen um den Planeten, um die große Temperaturdifferenz auszugleichen. Der Haushalt würde sich aber kaum ausgleichen lassen, da der Planet auf der Nachseite die Wärme, die er auf der Tagseite empfängt, in die Tiefen des Weltraumes abstrahlt. Somit müssten die Bewohner von Gliese 581 ziemlich flache Wesen sein, die starken Winden von 1.000 km/h Widerstand leisten könnten. Ob solche Bedingungen intelligentes Leben, welches noch mit uns in Kontakt treten könnte, förderlich sind, ist sehr unwahrscheinlich. Und auch dem erfahrenen Windsurfer dürfe die Brise zu frisch sein.

Aber das Leben findet ja bekannterweise seine Nischen. Und auch auf der Erde findet man Leben an manch unwirtlichen Ort. Es wäre auch für Gliese 581g denkbar, dass primitive Lebensformen, wie Einzeller, dort eine Heimat finden. Grünen Schleim gibt es im Universum zur Genüge aber eine schöne Frau ist selten, um einen bekannten Astrophysiker zu zitieren. Intelligentes Leben ist wählerisch. Unsere Erde bietet ideale Bedingungen- einen Stern, der lange genug brennt, um der Evolution Zeit zu geben, angenehmes Klima, Wasser in flüssiger Form, einen großen Mond, der die Erdachse stabilisiert, ein starkes Magnetfeld, welches uns vor äußeren Einflüssen schützt, eine Ozonschicht, die die UV-Strahlung abschirmt usw. Bisher wurde noch kein vergleichbarer Ort gefunden. Wir täten gut daran, uns dieser Sache bewusst zu werden und pfleglich mit dem Planeten umzugehen.

Die Entdeckung von Gliese 581g hatte in der Fachwelt für eine Menge Wirbel gesorgt. Gerade der Umstand, dass sich ein erdähnlicher Planet in der habitablen Zone eines Sterns aufhalten könnte, machte diese Entdeckung zu einer Premiere. Inzwischen wird die Existenz des Planeten wieder angezweifelt. Untersuchungen eines anderen Teams ließen keine Entdeckung zu. Es wäre durchaus möglich, dass die Existenz von Gliese 581g nur durch eine Reihe von Störsignalen vorgetäuscht wird. Weitere Untersuchungen sind da wohl erforderlich.

Möchte man Gliese 581 im Teleskop beobachten, so ist das möglich. Gliese 581 befindet sich im Sternbild Waage und besitzt die 10. Größenklasse. Für mittlere Teleskope ist er also kein Problem (Ra 15h 19m 26,83s Dekl -7°43'20"). Von den Planeten können Amateurastronomen aber nur träumen.

Viel Spaß dabei,
Christian Overhaus

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