Beobachtungstipp im April 2015

Vermutlich begleiten über 500 Kugelsternhaufen unsere Galaxis. Nur ein Teil dieser alten, sternreichen Haufen sind bekannt, in der Zahl sind es etwa 151. Die Kugelsternhaufen halten sich im Gegensatz zu den offenen Sternhaufen nicht in den Spiralarmen der Galaxis auf. Sie verteilen sich kugelartig im Halo der Galaxis und umlaufen diese wie Satelliten. Kugelsternhaufen sind recht alte Objekte. Ihre Mitglieder bestehen schon seit der Frühzeit des Universums und ihre Entwicklung ist weitgehend abgeschlossen. Das unterscheidet die Kugelsternhaufen von den Zwerggalaxien, in denen durchaus noch Sternentstehung stattfindet. So weisen Kugelsternhaufen Sterne der Population II auf, die sich durch ihre Metallarmut von den Sternen der Population I unterscheiden. Population II-Sterne sind sozusagen Sterne der ersten Stunde, die entstanden sind, als das Weltall noch nicht mit Elementen, die schwerer als Helium "verseucht" war. Die massereichen Geschwister der Population II-Sterne, die bereits ihre Entwicklung abgeschlossen haben und als Neutronensterne oder gar schwarze Löcher unterwegs sind, sind ja sogar verantwortlich für die Anreicherung des Weltalls mit den schweren Elementen.

So ganz friedlich ist das Leben in einem Kugelsternhaufen aber doch nicht, von wegen Seniorenheim für Sterne. In einigen Sternhaufen findet man sogenannte Blue Stragglers, zu Deutsch: Blaue Nachzügler. Das sind leuchtkräftige blaue Riesensterne mit geringem Metallanteil, die es eigentlich an den Orten der Ruhe nicht geben sollte, weil sie längst ihren Brennstoffvorrat verbraucht haben müssten. Die Entstehung ist noch nicht gänzlich geklärt. Es wird vermutet, dass die Blauen Nachzügler durch Massentransfer oder Verschmelzung enger Doppelsternsysteme entstehen. In Kugelsternhaufen ist die Sterndichte sehr hoch und die Möglichkeit von Kontaktsystemen entsprechend groß. So kann ein Stern mittlerer Größe doch noch an Masse zunehmen und zu einem blauen Riesen werden. Kugelsternhaufen können auch im Alter aufregende Orte sein. Das Spiel der Gravitation macht es möglich, dass Sterne den Haufen verlassen müssen, wenn sie ungünstigerweise bei der Passage eines anderen Sterns ausreichend beschleunigt werden. Somit verlieren Kugelsternhaufen Mitglieder, die von nun an in Sternströmen auf eigene Faust die Milchstrasse umrunden.

Für Planetenentstehung sind Kugelsternhaufen denkbar schlechte Orte. Es fehlt an Baumaterial für die Planeten. Auch würde ein Planet die auftretenden Gezeitenkräfte der Sterne nicht lange aushalten. Dennoch hat man ein Planetensystem im Sternhaufen Messier 4 entdeckt.

Die Existenz von Schwarzen Löchern und Neutronensternen oder Pulsaren ist nicht erstaunlich. Auch Kugelsternhaufen haben ihre Leichen im Keller. Der Kugelsternhaufen Messier 15 im Sternbild Pegasus enthält ein Schwarzes Loch mit einer Masse von 4.000 Sonnenmassen. Auch enthält er einen Planetarischen Nebel (Pease 1), der sogar Amateurteleskopen zugänglich ist.

Kugelsternhaufen variieren in Größe und Sterndichte schon. Ein typischer Normalverbraucher unter den Kugelsternhaufen hat einen Durchmesser von 150 Lichtjahren und enthält um die 500.000 Sterne. Der durchschnittliche Abstand der Sterne untereinander liegt bei 0,3 bis 1 Lichtjahr. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, könnte man beim nächsten Strandurlaub anstatt einer Sandburg einen Kugelsternhaufen mit Sandkörnern nachbauen. Ein Sandkorn entspricht einem Stern. Zunächst zählen wir 500.000 Sandkörner ab. Wenn man es etwas einfacher haben möchte, kann man sich auch ein Messbecher mit einem viertel Liter Sand füllen. Die maßstabsgetreue Nachbildung wird schon schwieriger. Um die Sandkörner kugelförmig zu verteilen und dem entsprechenden Maßstab einhalten zu wollen, müssen wir zwischen den einzelnen Sandkörnern 2 bis 3 Kilometer Abstand lassen. Unser Kugelsternhaufenmodell wird dann sehr schnell unübersichtlich und hätte am Ende einen Durchmesser von 300 bis 500km. Ich fürchte, dass ein solches Vorhaben nicht unbemerkt von Funk und Presse umgesetzt werden kann.

Jetzt im Frühjahr ist eine ideale Zeit zum Beobachten von Kugelsternhaufen. Unter den Messierobjekten sind 29 Kugelsternhaufen. Der bekannteste unter ihnen ist Messier 13 im Herkules. Aber auch Messier 92, Messier 3 und Messier 5 sind sehr sehenswert. Zudem gibt es einige Kugelsternhaufen im Sternbild Schlangenträger. Ebenfalls interessant ist NGC 2419, ein schwacher Nebel im Sternbild Luchs. Dieser Sternhaufen ist in kleineren Geräten auffindbar und gehört zu den entferntesten Kugelsternhaufen unserer Galaxis. Er ist ungefähr 100.000 Lichtjahre entfernt.

Auf der Nordhalbkugel gibt es keine freisichtigen Kugelsternhaufen. Südhalbkugelbeobachter können sich an zwei helle Kugelsternhaufen erfreuen, die deutlich als Nebelstern zu erkennen sind - 47 Tucanae und Omega Centauri. Diese sind ein Muss für alle Fernreisenden!

Sternfreundliche Grüße,
Christian Overhaus

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