Beobachtungstipp im November 2015

Bald ist es wieder soweit. Die Spekulatius-Plätzchen stehen schon seit Wochen im Regal und die Städte sind beschäftigt mit der Montage der Weihnachtsbeleuchtung. Die dunkle Jahreszeit hat uns im Griff und die Umstellung der Zeit auf die normale Mitteleuropäische Zeit macht den Sprung in die Dunkelheit deutlich.

Die Astronomen freuen sich, weil die Nacht an Länge gewinnt und die astronomisch verwertbare Zeit zunimmt. Die Freude ist aber nicht ungetrübt, weil die urbane Gesellschaft den Tag weit in die Nacht verlängert und die künstliche Beleuchtung keine richtige Dunkelheit mehr zulässt. Die Dunkelheit ist in der Gesellschaft mit negativem Image behaftet. Dunkelheit ist Rückschritt und ein modernes Industrieland kann es sich nicht erlauben bei Dunkelheit die Augen zu schließen. Die Schichtarbeit nimmt zu und der daraus resultierende Wohlstand sind die positiven Effekte, die uns die nächtliche Lichtorgie bringt. Ein Weg in die absolute Dunkelheit zurück ist nicht möglich. Die Menschen wollen das Licht und sie werden es behalten.

Dennoch sollte sich eine moderne Gesellschaft Gedanken über den Einsatz des Lichts machen. In den letzten Jahren hört und liest man immer häufiger über das Thema Lichtverschmutzung in Presse und Medien. Lichtverschmutzung ist der negative Effekt des Lichtes- es ist schlicht und einfach eine Art von Umweltverschmutzung. Der Einfluss des Lichtes auf Mensch und Natur wird erst in den letzten 10 Jahren genauer untersucht. Und obschon viele negative Einflüsse aufgedeckt wurden, stößt man bei den Verantwortlichen auf taube Ohren. Für viele Umwelteinflüsse gibt es gesetzliche Regelwerke, wie die TA Luft, TA Lärm, das Wasserhaushaltsgesetz oder das Abfallbeseitigungsgesetz. In diesen Regularien wird der Umgang mit den entsprechenden umweltrelevanten Störeinflüssen vorgeschrieben.

Nach Stand der Technik werden die Grenzwerte regelmässig nivelliert und somit erreicht man immer bessere Umweltstandards. Dies kostet der Wirtschaft Geld und erntet oft Kritik von den Wirtschaftsführern. Kurzfristig geht das natürlich zu Lasten der Wirtschaft. Langfristig ist das Einhalten und Verbessern ökologischer Standards ein ungeheurer Wirtschaftsvorteil. Ein Wirtschaftssystem, welches die Ressourcen und die Umwelt eines Landes ausbeutet, kann nur überleben, wenn es nach Heuschreckenart weiterziehen kann. Andernfalls wird es an den hausgemachten Problemen ersticken. Somit ist nachhaltiges Wirtschaften und Schonung von Ressourcen ein wichtiger Aspekt für langfristigen unternehmerischen Erfolg. In Deutschland ist das angekommen und gehört in vielen Industriebetrieben zur Unternehmenskultur. Der Wille ist da, die Not aber eben auch. Umweltsünden müssen früher oder später bezahlt werden. Und später kann es teuer werden. Niemand möchte den Rhein zurück in die Situation der 60'er Jahre, niemand möchte zurück zum sauren Regen. Auch damals musste sich die Wirtschaft zum Wohl der Umwelt beugen und ist daran nicht zerbrochen. Eher im Gegenteil. Sie wurde zu einer Lokomotive technischer Innovation.

Die Gesetzgebung zum Thema Lichtemission ist relativ dürftig. Ein TA Licht gibt es nicht und verbindliche Regeln sind in Deutschland nicht vorhanden. Jeder kann beleuchten, wie er möchte. Betrachtet man Licht als Abfall wie Verpackungsmüll, könnte jeder seinen Dreck einfach in den öffentlichen Raum werfen. Leider gehen wir mit dem Licht auch so um. Das Bewusstsein ist nicht da. Eine weggeworfene Verpackung verschwindet nicht. Sie endet möglicherweise als Kunststoffmüll im Meer. Licht hingegen verschwindet mit Lichtgeschwindigkeit, sobald es ausgeschaltet wird. Trotzdem ist der Lichtmüll allgegenwärtig und jederzeit sichtbar, weil immer neues Licht nachgeliefert wird.

Das bekommen nicht nur die Hobbysterngucker zu spüren. Der Verlust des Sternenhimmels ist schlimm, da ein wichtiges Kulturgut verloren geht. Schlimmer ist aber der Verlust von Arten. Über die Hälfte aller Tiere, insbesondere Säugetiere und Insekten, sind nachtaktiv. Sie haben ihre Lebensweise an die Dunkelheit angepasst und kommen mit dem künstlichen Licht nicht zurecht.

In vielen Fällen werden künstliche Lichtquellen zur tödlichen Falle. In Deutschland sterben schätzungsweise etwa 1 Milliarde Insekten pro Nacht durch künstliche Beleuchtung. Viele dieser Insekten sind wichtige Bestäuber in der Land- und Forstwirtschaft. Die meisten Insekten sind aber Nahrungsquelle von Vögeln und Säugern.

Der Verlust der Insekten ist nicht augenfällig, macht sich aber bemerkbar. Früher musste man viel öfter die Windschutzscheibe reinigen nach einer Überlandfahrt. Heute befinden sich die meisten Insekten 6m oberhalb des Autos und umkreisen eine Straßenlaterne bis zur Erschöpfung. Es gibt durchaus Nutznießer dieser Situation. Spinnen nutzen oft die Anziehungskraft des Lichtes und installieren ihre Netze in der Nähe von Straßenlaternen. Auch einige Fledermausarten beherrschen die schnelle Jagd an der Straßenlaterne. Die meisten Arten aber gehen leer aus und werden verdrängt. Natürlich gibt es Tiere, die sich der veränderten Umgebung anpassen. Viele Arten aber verschwinden klammheimlich und mit ihnen die Aufgaben, die sie in unserem Ökosystem "Erde" erfüllt haben.

Somit sind viele Bemühungen in Sachen Umweltschutz vergeblich, wenn wir die Nachtseite der Natur vergessen. Der Schutz der dunklen Nacht ist ein viel zu stiefmütterlich behandeltes Thema. Viel zu sorglos geht die Gesellschaft mit dem Licht um. Jährlich nimmt die Lichtverschmutzung um etwa 6% zu. Der Verbrauch an versiegelter Fläche in Deutschland nimmt nur um etwa 0,07% zu. Die beleuchtete Fläche vergrößert sich also nur gering. Die Art und Weise der Beleuchtung nimmt anscheinend an Stärke zu. Leuchtkörper werden immer effizienter. Gerade in Gewerbegebieten führt dies zu einer Lichtorgie erster Güte. Ein Großteil der Lichtverschmutzung rührt von der städtischen Straßenbeleuchtung her. Auf Lichtverschmutzungskarten sind Städte die hellen Flecken mit der größten Lichtverschmutzung. Gewerbegebiete rüsten nach. Gerade im ländlichen Raum, wo interkommunale Gewerbegebiete in Mode kommen oder Gewerbegebiete an den Stadtrand gelegt werden, tauchen plötzlich die hellen Spots auf der Lichtverschmutzungskarte auf. Dabei ist der Großteil der Beleuchtung nicht zweckgebunden, sondern es ist aufdringliche Fassadenbeleuchtung, die weit in den Naturraum strahlt.

Borkener Umgebung, www.lightpollutionmap.info
Borkener Umgebung, www.lightpollutionmap.info

Gute Beispiele finden wir in unserer Umgebung. Der Vergleich zweier Lichtverschmutzungskarten aus dem Jahr 2012 und 2015 zeigen in einigen Bereichen die Zunahme von Lichtquellen. In Borken erscheint der Gewerbepark der ehemaligen Kaserne heller zu werden. Auch die Gewerbegebiete der kleinen Gemeinden um Reken rüsten ordentlich nach. Hier sind die Beleuchtungen der gewerblich genutzten Gebäude die Ursache für die zunehmende Lichtverschmutzung. Deutlich sieht man auf der Karte die Gärtnerei in Burlo, deren Licht im Jahr 2015 anscheinend abgeschaltet war. Auf der Karte ist ja wohlmerklich nur das fehlgeleitete Licht, also das Licht, das in den Himmel strahlt, abgebildet. Reine Wohngebiete, wie es Marbeck, Borken-West oder die Wohngebiete in Heiden darstellen, sind eher defensiv beleuchtet. Die Menschen dort kommen anscheinend mit weniger Licht zurecht und ihre Beleuchtung ist zielgerichteter. In den Zentren der Orte und in der gewerblich genutzten Peripherie ist es aber hell, sehr hell sogar.

Daruper Berg bei Tag
Daruper Berg bei Tag, Christian Overhaus

Der Daruper Berg erlaubt tagsüber einen schönen Blick ins Münsterland. Weit im Süden ist der Ostrand des Ruhrgebiets zu sehen. Vorgelagert ist der kleine Ort Rorup, im Hintergrund die Borkenberge. Insgesamt eine Gegend, die sehr landwirtschaftlich geprägt ist... tagsüber.

Daruper Berg bei Nacht
Daruper Berg bei Nacht, Christian Overhaus

Derselbe Anblick nachts. Das kleine Dorf Rorup erstrahlt und die Kirche ist besonders gut beleuchtet. Im Westen ist das etwa 10km entfernte Dülmen zu sehen. Das weißliche Licht scheint mehr von Flutern als von Strassenbeleuchtung zu sein. Der Großteil des hellen Lichtes kommt offensichtlich von gewerblichen Städten. Ganz in Ferne die Himmelsaufhellung des Ruhrgebiets, dass gute 40km entfernt beginnt. Trotz der ausufernden Beleuchtung konnte man in dieser klaren Nacht im Zenit durchaus Sterne der 6. Größenklasse sehen. Eine Messung mit einem SQM (Sky Qualtity-Meter) ergab eine Himmelshelligkeit von 20,93 mag/arcsec. An meinem heimischen Standort in Borken erreiche ich etwa 20,4 mag/arcsec. Der Himmel ist dort in Rorup also 1,5 mal dunkler als am Rande von Borken.

Westmünsterland, www.lightpollutionmap.info
Westmünsterland, www.lightpollutionmap.info

Im Zenit zeigte sich die Milchstraße durchaus strukturiert, zumindest in der 2. Nachthälfte. Der Horizont war hell erleuchtet. Das helle Industriegebiet von Coesfeld und das ferne Münster machten sich bemerkbar.

Man muss sich dabei vor Augen führen, dass das Licht nicht zu dem Zweck installiert wurde, eine Bauernschaft in Rorup zu beleuchten. Diese Lichtquellen bringen das Licht einfach nicht zielgerichtet dorthin, wo es zweckmäßig ist. Sicherlich ist ein Großteil der Lichtquellen nicht sinnvoll. Viele Lichtquellen sind aber einfach nur schlecht. Während Luft und Wasser glücklicherweise nach dem Stand der Technik vor schlechten Einflüssen geschützt werden müssen, kann man Licht in ungebremster Menge in die Umwelt abgeben. Umweltstandards gibt es dort nicht. Technische Lösungen, die im Endeffekt sogar wirtschaftliche Vorteile bringen, gäbe es schon. Energiesparende Strassenlaternen sind keine Vision und eine Umrüstung wäre nach kurzer Zeit kostendeckend. Die moderne LED-Beleuchtung ist mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu sehen. Zunächst kann man LED-Licht schön zielgerichtet lenken. Leider wird das in der Praxis dann oft nicht umgesetzt und man hat wieder schlecht abgeschirmtes Licht. Zudem ist der blaue Anteil, der auch für Insekten schädlich ist, sehr hoch. Abhilfe würde eine Acrylglasabdeckung schaffen, welche das blaue Licht herausfiltert.

Sehr sparsam und umweltschonend sind Niederdruck-Natriumdampflampen, die ein gelbes, fast monochromatisches Licht abgeben. Der Nachteil dieser Leuchtkörper ist allerdings die lange Aufwärm- und Abkühlzeit, die zwischen den Schaltvorgängen nötig sind.

Somit bleibt der beste Weg, überflüssiges Licht einfach abzuschalten und bedarfsgerecht zuzuschalten. Dem oft genannte Sicherheitsaspekt wird auch genüge getan. Statte ich meine Gebäudebeleuchtung mit Bewegungsmeldern aus, kann ich ruhigen Gewissens schlafen gehen. Der Nachtfalter wird nicht irritiert und der Einbrecher hat Licht, wenn er den Garten betritt.

In diesem Sinne, Licht aus!

Sternfreundliche Grüße,
Christian Overhaus

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