Beobachtungstipp im März 2017

Mein Vorhaben, einen kompletten eigenen Messierkatalog zu fotografieren, zieht sich jetzt schon einige Jahre hin. Eigentlich fehlen nur noch sechs Objekte und zwar die, die in unseren Breiten nur knapp über den Horizont kriechen. Im Laufe der Zeit kam ein ganzes Sammelsurium von Aufnahmen der Messierobjekte zusammen, da ich bei Gelegenheit die Objekte noch mal nachfotografierte um bessere, schönere Bilder zu bekommen. So kann man seine eigenen Fortschritte oder eher die Fortschritte der Kameratechnik und der Bildbearbeitungssoftware nachvollziehen. Jedenfalls richtete ich mein Teleskop am 26. Januar 2017 auf den offenen Sternhaufen Messier 48 im Sternbild Wasserschlange. Die Aufnahmen starteten bereits, während ich das Festplattenarchiv nach älteren Aufnahmen von Messier 48 durchsuchte. Ich fand Aufnahmen vom 5. November 2016. Ich hatte also vor gar nicht allzu langer Zeit bereits einige Bilder von Messier 48 aufgenommen. Deswegen beschloss ich, nach einer kurzen Sequenz von Aufnahmen, ein anderes Objekt, welches ich noch nicht aufgenommen hatte, ins Blickfeld der Kamera zu bringen.

Neues Objekt?
Neues Objekt?

Das Tolle an den digitalen Daten ist die Möglichkeit alte Aufnahmen spielend mit neueren Bildern zu kombinieren. Mit der Software Astroart öffnete ich die Aufnahme vom November 2016 und die aktuelle Aufnahme von Januar 2017 und richtete sie zueinander aus. Die Überlappung der Aufnahmen lag bei etwa 90% der Fläche. Man kann nun die beiden Bilder miteinander kombinieren, addieren oder besser mitteln, um noch ein besseres Signal zu Rausch-Verhältnis zu bekommen. Vorher ist es aber ratsam, beide Aufnahmen miteinander zu vergleichen, um Veränderungen am Himmel zu erkennen. Da ist der Forschergeist gefragt. Mit der Software Astroart kann man beide Aufnahmen, wie ein Daumenkino, abwechselnd betrachten und auf Unterschiede untersuchen. So getan, fand ich südlich des Haufens einen "neuen" Stern, der 2016 noch nicht dort erschien. Vor einigen Jahren wäre ich noch in panische Hektik verfallen. Es kommt aber gar nicht so selten vor, dass man beim Vergleichen von Aufnahmen Veränderungen entdeckt. Bevor man die Pferde scheu macht, kann man sich in der Onlinedatenwelt auf Spurensuche begeben und wird in den meisten Fällen auch fündig. Aber zunächst sollte man sich die Rohdaten ansehen. Das fertige Ergebnisbild ist ja eine Kombination aus mehreren Rohbildern. Es gilt auszuschließen, dass ein Artefakt ein Objekt vortäuscht. Artefakte können Hotpixels sein oder auch Reflexionen, die man sich gerne bei der Verwendung von Foto-Objektiven einfängt. Da muss man durchaus kritisch sein. Gerade Reflexionen können ein kometenartiges Erscheinungsbild haben. Ich selber musste mal die Erfahrung machen und konnte mit einer Wiederholungsaufnahme mit gleicher Optik meine "Nichtentdeckung" bestätigen. Der neue Stern unterhalb von Messier 48 fiel aber nicht in diese Kategorie. Er war durchaus real und deutlich auf allen Rohbildern zu erkennen. Er wirkte sogar etwas länglich, wie ein Doppelstern. Das war schon verdächtig. Für weitere Recherchen ist die Positionsbestimmung des Sterns sehr hilfreich. Mit einer Astrometriesoftware, viele nutzen das Programm Astrometrica, kann man das Bild gut vermessen. Die faulere Variante ist der Onlinedienst Astrometry.net (www.astrometry.net), der die Aufgabe ebenfalls übernimmt. Ich entschied mich für letzteres und fand heraus, dass der neue Stern die Position RA 08:12:56 Dekl -6°07' hatte. Nun galt es herauszufinden, was dort los war. Mein erster Tipp war ein Veränderlicher Stern, vielleicht ein Mirastern oder eine Nova, bestenfalls. Die beste verfügbare Datenquelle hierzu ist wohl die VSX-Datenbank der AAVSO, der amerikanischen Vereinigung der Beobachtung veränderlicher Sterne. Dort kann man mit der Angabe der Position die bekannten veränderlichen Sterne zeigen lassen. Gesagt, getan ...Ergebnis: An dieser Stelle ist kein veränderlicher Stern bekannt. Also nun der nächste Schritt. Mit der Software "ALADIN", die frei verfügbar im Internet erhältlich ist, kann man weitere Untersuchungen anstellen. Das Bild kann hochgeladen werden und verschiedene Kataloge als Overlays darüber gepackt werden. Weiterhin kein Erfolg. An dieser Stelle ist nichts...

Genaue Überprüfung des 'neuen Objekts'
Genaue Überprüfung des "neuen Objekts"

Die letzte zu überprüfende Möglichkeit wäre ein Kleinplanet oder Komet, der sich mit auf's Bild gemogelt hat. Man hat dort mehrere Möglichkeiten, diese Angelegenheit zu überprüfen. Wichtig hierzu sind die Bilddaten, also Aufnahmeort, also der Himmelsbereich, der abgebildet ist und die Aufnahmezeit. Mit einem Planetariumsprogramm, dass in der Lage ist, Kleinplaneten zu berechnen, kann man sich den Himmel zur Aufnahme darstellen lassen. Eine weitere Möglichkeit ist der MPC-Checker des Minor Planet Center (http://cgi.minorplanetcenter.net/cgi-bin/checkmp.cgi).

In meinem Fall wurde ich fündig und identifizierte den neuen Lichtpunkt als Kleinplanet 225 (Henrietta). Seine Helligkeit mit 15 Mag passte recht gut zum Foto und wenn man den Lichtpunkt genauer untersucht, zeigte er sich auch etwas lang gezogen.

In den meisten Fällen kann man derartige Beobachtungen klären. Ein Kleinplanet, ein bekannter Veränderlicher Stern oder schlimmstenfalls Bildfehler durch Hotpixel, Reflexionen oder Bearbeitungsartefakte. Trotzdem schlummern vermutlich noch viele tausend Veränderliche Sterne, unentdeckt am Himmel. Mir gelang es bisher drei dieser Sterne aufzufinden, allesamt sogar in der Nähe von NGC-Objekten.

Sternfreundliche Grüße,
Christian Overhaus

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