Beobachtungstipp im August 2018

Es ist wirklich interessant, wenn erwachsene Menschen zum ersten Mal richtigen Kontakt mit dem Weltall aufnehmen. Man kann das an der Sternwarte sehr oft erleben. Die Besucher kennen die bunten Bilder aus den Medien und haben eine Vorstellung davon, wie ein Planet aussieht. Doch sind sie beim Anblick des Saturns im Teleskop fast schon erschüttert, da er viel kleiner ausschaut als man es von den Bildern kennt und er nur als ein helles Kügelchen mit Schwimmreifen zu sehen ist.

Nicht selten hört man, dass Besucher der Sternwarte das Gefühl haben, in eine andere Welt abzutauchen. An einem der letzten Beobachtungsabende meinte noch ein älterer Herr zu mir, dass das eine andere Welt ist. Es ist also gar nicht so schwer in eine andere Welt zu schweifen. Man muss nur einige Kilometer aus der Stadt heraus und benötigt etwas geschliffenes Glas um sich Millionen von Kilometern weg zu bewegen, ganz umweltfreundlich und sozialverträglich.

Für uns Hobbyastronomen, zumindest gilt das für mich, ist das Weltall keine andere Welt mehr. Ein Blick in den abendlichen Himmel lässt uns sofort erkennen, welcher Planet zu sehen ist oder welches Sternbild dort über uns leuchtet. Die Sterne sind zu vertrauten Wegbegleitern geworden, die Gesetze des Himmels zum Alltäglichen.

Unsere westliche Gesellschaft ist sehr technikaffin. Wir umgeben uns mit vielen Tools und Apps. Unsere Aufgaben im Beruf machen uns zu Spezialisten. Während früher noch der Hufschmied Zähne gezogen hat, weil er das Werkzeug dazu hatte, braucht man heute eine profunde medizinische Ausbildung zum Zähneziehen. Und glauben sie ja nicht, dass jemand, der Zähne zieht, automatisch auch Hufe beschlagen kann.

Was ich damit sagen möchte ist, dass wir in unserer hochtechnisierten Welt kaum noch die Notwendigkeit sehen, einen Schritt zurück zu gehen und das Gesamtgefüge zu betrachten. Für mich gibt es diese Notwendigkeit noch unbedingt. Ein Blick abseits des Medientunnelblicks auf das Gesamtgefüge der Welt.

Der Forderung nach Wachstum unseres Wirtschaftssystems, der so selbstverständlich nachgegeben wird, kommt schon einem Naturgesetz gleich. Die Wirtschaftsweisen, die neuen Priester unserer Gesellschaft... Weise sind sie nicht, sind eben auch Spezialisten, die den Wert der Erde in Geld umrechnen. Geld ist aber ein Tauschmittel und uns geht der Gegenwert verloren.

Im Jahr 2018 war der Earth Overshoot Day bereits am 1. August 2018. Das ist der Tag, an dem die Menschheit alle nachwachsenden Ressourcen des Jahres aufgebraucht hat. Ab dem 1. August 2018 leben wir sozusagen "auf Pump". Anders als bei der Bundesbank kann man kein Geld nachdrucken. Die Wirtschaftsweisen erwähnen das aber nicht, es liegt nicht in ihrem Fokus. Vielleicht ist es der Blick ins lebensfeindliche Weltall, der zeigt, wie zart und klein unsere Welt, dieses Staubkörnchen Erde ist, mit der unser Schicksal und das aller anderen Bewohner verbunden ist.

Der Begriff Umwelt und Begrifflichkeiten, wie Umweltschutz, suggerieren, dass der Mensch separiert zum Rest der Welt betrachtet werden kann. Die Technisierung scheint eine autarke Überlebensmöglichkeit zu erlauben. Versuche, Fleisch in Laboren synthetisch herzustellen ohne auf Tiermast zurückgreifen zu müssen, sind ein Schritt dahin. Veränderte Pflanzen, die an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst werden können, sind Ergebnisse fruchtbarer Forschung. Dennoch ist zu bedenken, dass der Mensch gemeinsam mit allen anderen Lebewesen, vom Einzeller bis zum Blauwal, die Erde bevölkert. Das Ökosystem hat viele Symbiosen entwickelt und wir als hochentwickelte Lebewesen sind stark davon abhängig. Man sollte lieber den Begriff "Mitwelt" verwenden. Der Mensch ist ein Teil davon, genauso wie der Regenwurm, der bei der Humusbildung wertvolle Arbeit leistet.

Sicherlich können wir an einigen Stellen für kurze Zeit eine autarke Lebensweise führen. Möglicherweise wäre eine temporäre Besiedlung des Mars möglich. Doch die völlig andere Umwelt wird möglicherweise zu Problemen führen, die wir heute nicht mal erahnen. Vielleicht ist diese Erkenntnis wichtiger als der Siegeszug der Raumfahrt, wenn es soweit ist. Die Astronomie hat in unserer Gesellschaft nicht mehr den Stellenwert, der ihr eigentlich zugesprochen werden müsste. Sie liefert nur wenig Futter für die Wirtschaftskreisläufe der Menschen. Dennoch kann sie die Denkweise des Menschen beeinflussen. Vielleicht ist eine kosmische Weltanschauung sogar die Grundlage für das Fortbestehen einer hochzivilisierten Gesellschaft. Vielleicht sollte man den Besucher der Sternwarte auf die Aussage, dass das hier eine andere Welt ist, sagen: Nein, DAS ist die Welt in der DU lebst!

Ein alter Text aus einem Astronomiebuch von 1920 wirkt in diesem Zusammenhang zeitlos:

"Ferner denn je und näher denn je sind dem Menschen des 20. Jahrhunderts die leuchtenden Sterne. In den steinernden Labyrinthen der modernen Großstädte, in den vom Lärm rasselnder Maschinen durchtobten Industrierevieren wächst ein neues Menschengeschlecht heran, ein Geschlecht, das fern ist dem murmelnden Quell urewiger Natur. Langsam wird dem Beschauer, der menschlichen Kultur mit dem Auge des Philosophen sieht, in dem verwirrenden Vielerlei politischer, sozialer und sittlicher Kämpfe, die große Linie deutlich, langsam mehren sich die Köpfe, die erkennen, dass wieder einmal auf Erden, im großen Garten des Menschengeschlechts, ein Kultursommer, ein Kulturherbst dem Winter Platz machen will..."

Denn auch Kulturen werden und vergehen wie Bäume, Menschen und Sterne! - Auch in Menschenhirnen gibt es ein Auf- und Nieder, Wellenberge und Wellentäler im Meer des Geistigen erzeugend, und hochgehende Kulturwogen verebben eines Tages kraftlos am dürren Strand des Verfalls.

Kühl und geschäftsmäßig, dem Gegenständlichen zugewendet, ist der Mensch des 20 Jahrhunderts. Was er groß nennt, das ist Gegenständliches, ist eine zu höchster Entwicklung gelangte Technik, sind elektrische Schnellbahnen, weltumspannende Stationen für drahtlose Telegraphie, Riesenflugzeuge, die Kontinente und Ozeane überqueren, Wunderwerke einer raffinierten Ingenieurskunst.

Der Ehrfurcht weckende Schauer, der in alten Domen wohnt, wo Helle sich in bunten Scheiben bricht, die Sehnsucht, die durch alte Linden rauscht, die tiefe Melancholie der mondbeglänzten Zaubernacht... sie sind ihm fremd, sie tönen noch aus alten Urväterliedern, aber sie sind atavistische Gefühle. Die soziale Revolution liegt über der Welt, der Massenschritt der Arbeiterbataillone dröhnt schwer über den Asphalt, surrende Propeller kreisen in den Lüften - Ferner denn je sind dem Menschen die Sterne...

Ferner denn je sind dem Menschen die Sterne und sind im näher denn je!

Allüberall rings um den Erdball ragen die Kuppeldome mächtiger Sternwarten zum Himmel auf. Riesenfernrohre von raumdurchdringender Kraft, die bis zu den fernsten Tiefen des Universums reicht, spähen hinaus in Unermesslichkeiten. Messkreise von höchster Kunstfertigkeit, lichtzerlegenden Prismenkränze, Wunderwerke photographischer Technik, bis ins Kernholz der Naturgesetze greifende mathematische Methoden, kurzum, was Menschenwitz und Kunst vermag, der Forscher schweißt es zu einem harten Stahl, mit dem er sich tiefer hineinbohrt in die Welt geheimnisvoller Wunder über uns. So bringt er uns die Sterne näher.

Der Oberflächliche nur, der die tiefen Zusammenhänge der Dinge nicht sieht, kann glauben, dass es gleichgültig sei, ob wir ihnen fern oder nah sind!

Tiefinnerst muss man es fühlen, was der große Königsberger Philosoph meint, wenn er sagt, zwei Dinge erfüllen ihn mit immer neuer Bewunderung und immer neuem Staunen: "Das moralische Gesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns." Schillers Wallenstein-Wort: "Die Sterne machen nicht nur Tag und Nacht, Frühling und Sommer, nicht dem Sämann nur bezeichnen sie die Zeiten der Aussaat und der Ernte... umflastert weltweite Zusammenhänge, denn zwischen dem moralischen Gesetz in uns und dem gestirnten Himmel über uns bestehen Beziehungen, tief wurzelnd in der menschlichen Natur...

(aus: Bürgel: Du und das Weltall, Leipzig 1920)

Sternfreundliche Grüße,
Christian Overhaus

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