Eindrücke vom Merkurtransit

Liebe Sternfreunde,

als ich spät am Montag nach Hause kam, hatte ich einen halben Tag an der Sternwarte verbracht. Sonntags vorher war ich noch bis in den Morgenstunden des 9. Mai 2016 an der Sternwarte in der Hoffnung, das eine oder andere Bild eines hellen Polarlichtausbruchs zu erwischen. Leider reichte es nur für schwaches fotografisches Polarlicht. Gute 9 Stunden später war ich wieder an der Sternwarte, um den doch sicher kalkulierbaren Merkurtransit zu verfolgen.

Es ist erst das zweite Mal, dass ich Merkur vor der Sonne sehen durfte. Merkur und Petrus ließen mich an diesem Maitag nicht im Stich und bei strahlendem Sonnenschein erreichte ich mittags gegen halb eins die Josef-Bresser-Sternwarte.

Günther war erwartungsgemäß schon vor Ort und hatte das große Sternwartengerät bereits eingerichtet, damit es für die Projektion des Sonnenbildes durch das kleine Linsenteleskop bereit war. Das große Teleskop blieb an diesem Tag geschlossen. Die Gefahr eines Feuers war zu groß.

Draußen auf der Plattform war er damit beschäftigt zwei Montierungen mit je einem Teleskop auszurüsten und diese dann mit Kameras zu bestücken. Das Sonnenteleskop der Sternfreunde kam in den Genuss, eine DMK-Kamera aufnehmen zu dürfen, ein kleines Linsenteleskop wurde mit einer Canon DLSR ausgestattet. Beide Kameras steuerte Günther mit einem Notebook, welches vor der Sonne in einem Karton geschützt stand. Ganz schön viel Technik dachte ich - eine richtige Herausforderung, die Gerätschaften gleichzeitig zu bändigen - vergleichbar mit dem gleichzeitigen Spiel einer Blockflöte und eines Klaviers. Ich derweil schleppte meine mitgebrachten Ausrüstungskisten auf die Plattform und begann meine Montierung aufzubauen. Zwei Teleskope hatte ich im Gepäck, ein 8" SC-Teleskop mit Sonnenfilter und das Coronado PST. Glücklicherweise konnte meine Montierung beide Geräte gleichzeitig aufnehmen. Ich hatte lediglich eine Canon DLSR dabei und begnügte mich damit. Jedoch konnte ich beide Teleskope an die Kamera adaptieren. Das war für mich ein Kompromiss, der weniger Stress bedeutete, allerdings auch eine geringere Ausbeute an Bildern. Aber am schönsten sind ja sowieso die Bilder der Erinnerung...

Mittlerweile war es 12:50 Uhr geworden und ich musste feststellen, dass ich den wichtigsten Adapter und einen Focalreducer nicht eingepackt hatte. Samstags bei der Generalprobe der Instrumente noch in der Hand gehabt, heute leider nicht dabei. Und die 20 Minuten reichten bei Weitem nicht aus, um die Sachen noch zu beschaffen. Doch Glück im Unglück, der Focalreducer der Sternwarte und eine Adapterleihgabe von Günther machten den Heimweg überflüssig. So konnte ich schon vor Beginn des Transits einige Testaufnahmen machen. - Gute Vorbereitung ist alles!

Abgesehen von den Adaptern hatte ich an fast alles bedacht. Das ordentliche Eincremen mit Sonnenschutz, Getränke und Nahrungsmittel, den Lunt-Solarhut, ein Handtuch, eine schwarze Jacke für den Sonnenschutz zum Fokussieren, etwas Literatur und die Alufolie, die für den Sonnenschutz des Tubus verwendet wurde. Das 8" SC-Teleskop wickelte ich vorher mit der Alufolie ein, damit sich der blaue Tubus nicht so erwärmte. Die Folie zeigte ihre Wirkung, das Teleskop war über den ganzen Nachmittag recht fokusstabil.

So, ein Blick auf die Uhr, 13:10 Uhr, es wird spannend. Der Eintritt war um 13:12 und 18 Sekunden zu erwarten. Ich sagte die Zeit auf, 13:11 und 25 Sekunden oder so ähnlich. Günther, der sein Coronado-Bild im Blick hatte, schrie plötzlich auf: "Da ist er - der ist schon drauf."

Wie konnte das sein? Das war zu früh. Stimmte mit der Uhr was nicht, oder gar mit dem Merkur? Egal, die Aufnahmen starteten! Nebenan hörte man Günther über seine Ausrüstung schimpfen. "Mist, warum läuft die nicht... Ah, ich wollte doch noch auf Monochrom stellen, jetzt startet Firecapture nicht..." Und dann ratterten die Kameras los!

So ein Transit kann trotz langer Vorwarnzeit sehr plötzlich kommen und technisches Versagen ist immer spontan. Jedenfalls gelangen dann doch noch ein paar Aufnahmen. Mittlerweile waren die ersten Besucher an der Sternwarte, die voller Erwartung dann dieses kleine Pünktlein auf der Sonne sehen wollten.

Günther, kurz darauf beschäftigt mit einem Telefon-Radiointerview für den Lokalsender, rätselte immer noch über das zu frühe Erscheinen des Planeten im Sonnenteleskop. Auch ich hatte keine Erklärung. Der Weißlichtmerkur war offensichtlich pünktlich. Ist die Wasserstoffsonne größer als die Weißlichtsonne? Oder ist es ein Seeingphänomen? Vielleicht bekommen wir das ja irgendwie noch raus?!

Kurz darauf bog ein Auto der Borkener Zeitung in das Kruse Böhmken ab. Der Reporter hatte einen Kameramann von Borio-TV im Schlepptau. Es gab also doch ein öffentliches Interesse an Merkurs "Durchgang". Naja, richtig gut infomiert schienen die beiden Medienvertreter ja nicht zu sein.

Die fachlichen Fragen hielten sich in Grenzen. Was will man auch fragen, wenn ein Haufen "Verrückter" sich über ein Pünktlein auf einer weißen oder roten Scheibe freut. Natürlich kamen Fragen zur Motivation, so etwas zu beobachten und wie lange wir uns darauf schon vorbereiten... Tage, Wochen, Jahre?

Mir kam da sofort der Gedanke in den Kopf, was für ein Gefühl es sein musste, nach jahrelanger Vorbereitung kurz vor dem spannenden Moment des Merkureintritts auf die Sonnenoberfläche, Probleme mit der Kamera oder der Montierung zu haben und dachte an Günthers hektischen Einstand.

Aber ist ja alles noch gut gegangen und die Freude überwiegt. Mittlerweile kamen noch einige Sternfreunde und Besucher zur Sternwarte und unterhielten uns recht gut. Günther postete noch ein radiotaugliches Bild zum Lokalsender und ich fragte mich, wie sich das wohl anhört. Mittlerweile haben Radiosender ja eine Facebookseite und genau da konnte man einige Stunden später die Bilder bewundern. Die Radiogemeinde bedachte das Bild immerhin schon kurz danach mit 12 Likes. Ein toller Erfolg für einen kleinen Planeten wie Merkur.

Es ist schon schwierig, die Spannung bei einem sooo langen Durchgang hoch zu halten. Aber am Ende waren doch 9 Sternfreunde und immerhin etwa 30 Besucher vor Ort, die mit eigenen Augen den Merkur sahen und zumeist mit unvorstellbaren Dimensionen zu tun hatten. Wer kann sich schon 100 Mio. Kilometer vorstellen? Ein durchschnittlicher Autofahrer würde 6.000 Jahre unterwegs sein. Kein Mensch hat diese Strecke allein zurückgelegt.

Die geschichtliche Bedeutung des Merkurtransits für die Bestimmung der Astronomischen Einheit wäre noch zu erwähnen oder die Wichtigkeit der Transitmethode bei der Entdeckung extrasolarer Planeten. All dies ist dem Laienpublikum nicht unbedingt leicht zu vermitteln. Aber es reicht ja aus, wenn man an diesem sonnigen Tag eine kleine Tour zur Sternwarte unternehmen kann.

Ich versuchte mich auch an den Bildern, weiß aber noch nicht, wie groß meine Ausbeute ist. Man hatte den Eindruck, dass der Wind in Sturmstärke gegen das Teleskop pustete. Meine Montierung ist für einen Achtzöller fotografisch sowieso schon grenzwertig. Sturmböen ließen den Merkur gerade so über das Kameradisplay tanzen. Aber mit hoher ASA-Zahl und kurzer Belichtung sollte schon noch etwas dabei sein.

Wie gesagt, das Erlebnis zählt. So wurde es auch ruckzuck 19:30 Uhr und die Sonne verschwand hinter zunehmender Bewölkung. Für die Beobachtung des Austritts sah es böse aus. Für Freunde spektakulärer Sonnenuntergänge war es ein Fest. Vielleicht auch ein schöner Abschluss. Wir bauten die Geräte um 20:30 Uhr ab und sahen die Sonne bis 20:42 Uhr nicht mehr.

Gute 10 Minuten nach dem Austritt des Merkurs war die Sonne wieder wolkenfrei. Ob das gemein war? Vermutlich werden wir das schadlos überstehen ohne nachträgliche Seelsorge. Der Tag war lang, anstrengend und schön! Die Sonnencreme hilfreich und die noch nicht erwähnten Rosinenschnittchen von Sonja waren ebenfalls bedeutsamer Teil dieses Tages.

Eindrücke von der Merkurtransit-Beobachtung
Eindrücke von der Merkurtransit-Beobachtung, 9. Mai 2016, Christian Overhaus

Clear Skies,
Christian Overhaus

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